Wir leben in einer Zeit, wo wir immer mehr erkennen, dass unsere Handlungen teilweise von Verpflichtungsgefühlen bestimmt werden. Im gewissen Maße haben wir uns damit arrangiert, aber empfinden zunehmend ein Störgefühl dabei. Diese Verpflichtungen kommen aus der eigenen Geschichte, aus dem Familiensystem und/oder aus Vorleben (wer nicht daran glaubt, kann das Wort „Vorleben“ einfach ignorieren). Sie entwickeln sich aus Eiden, Schwüren, Gelübden und Verträgen. Wir haben sie entweder angenommen oder übernommen.
Wenn du sie hast, tust du dein Bestes, sie zu erfüllen. Bist du dir ihrer bewusst, kommst du der Freiwilligkeit einen großen Schritt näher. Oft ist es aber so, dass du ihnen unbewusst folgst.
Schon früh in meinem Leben bin ich diesem Thema begegnet. Ich habe schon als Teenager nicht verstanden, warum ich wider besseren Wissens bestimmte Handlungen ausführte. Warum fühlte ich mich verpflichtet, Menschen zu helfen, die selbstdestruktiv sind? Was trieb mich dazu, fast zwanghaft Missstände aufzudecken und mir dabei eine blutige Nase zu holen? Diese Pflichthandlungen verstand ich jahrelang nicht. Die Zwischenlösung war, mich so gut es ging damit zu akzeptieren, denn zu dem Druck und Stress im Außen, brauchte ich nicht auch noch einen Obenauf zu setzen. Aber dennoch ließ mich die Frage nach dem Ursprung der Verpflichtungen nicht los. Erst nachdem ich die Energieheilung kennengelernt habe, bekam ich ein Werkzeug in die Hand, damit umzugehen.
Wie sehen diese Verpflichtungen aus und wie fühlen sie sich an?
- Sie machen es zwingend notwendig, dass du dich einer bestimmten Art und Weise nach verhältst.
- Auch wenn du es vom Kopf her besser weißt:
- Du erfüllst sie, auch wenn sie dir schaden.
- Wenn du vom Kurs der Verpflichtung abweichst, fühlt es sich falsch an. Das geht sogar bis zum Punkt der Zwangshandlungen.
- Wenn du nur unbewusst weißt, dass die Erfüllung dir schadet, kann es passieren, dass du die Menschen deiner Umgebung anklagst, dass sie und ihr Verhalten dir schaden.
Das Dilemma dabei ist, dass diese Verpflichtungen deiner Persönlichkeit entsprechen. Sie haben sich sozusagen da angedockt.
- Du bist ein hilfsbereiter Mensch und du gibst, obwohl du schon gar nicht mehr die Kraft hast, zu geben. Als Beispiel: du bist beruflich gerade stark eingebunden und machst viele Überstunden. Du freust dich auf ein ruhiges Wochenende, um deine Batterien wieder aufzuladen. Dann ruft ein Freund an, der dringend kurzfristig Hilfe beim Umzug, bei einer Reparatur o. ä. braucht. So viel in dir widerstrebt es, zuzusagen. Aber was passiert? Du fühlst die Worte „Ja, ich komme“ aus deinem Munde gleiten, weil du einfach nicht Nein sagen kannst. Wenn dir dein Verhalten unbewusst ist, ärgerst du dich über dich und den Freund. Wenn du selbstreflektiert bist, ist es eine Chance, aus dieser Verpflichtung herauszukommen.
- Du bist ein Mensch mit einem Gerechtigkeitsgefühl. Du hast eine gut ausgeprägte Antenne in dir für unterstützende und schädliche Handlungen. Hier kann es dir passieren, dass du dich z. B. für Menschen einsetzt, die sich mit der Ungerechtigkeit arrangiert haben. Du fühlst dich verpflichtet, sie zu „retten“. Ob die Menschen gerettet werden wollen, ist dabei irrelevant. Oder das Beispiel der Gruppenleiterin einer größeren Firma, die sich nicht nur für die Unklarheiten und Ungerechtigkeiten ihres Arbeitsfeldes, sondern für die der ganzen Abteilung einsetzt. Sie geht den Kollegen und Chefs auf die Nerven, weil sie nicht loslassen kann. Immer wieder spricht sie die Themen an. Dabei verliert sie viel ihrer Kraft, denn ohne die Unterstützung anderer, leert sie ihre Reserven. Zusätzlich kann es passieren, dass sie sich ihre Karriere in der Firma verbaut.
Wenn in deiner Familiengeschichte eine Ungerechtigkeit passiert ist und sie ungeklärt ist, wirkt sie sich auf die nachfolgenden Generationen aus. Einerseits kannst du dann ein Gerechtigkeitsfanatiker werden oder andererseits jemand, der die Gerechtigkeit egal ist. Beides ist möglich. Es sind zwei Ausdrücke einer Sache.
Die genannten Beispiele sind Lernsituationen. Jedes System sucht nach Heilung, um ungeklärte und unfreie Anteile zu klären und zu befreien. Dir wird es immer wieder passieren, dass diese Teile getriggert werden bis du sie aufgelöst hast. Erst dann lebst du, um bei den o. g. Beispielen zu bleiben, deine Hilfsbereitschaft und dein Gerechtigkeitsgefühl frei und ohne Anhaftung.
Der erste Schritt zur Lösung ist Bewusstheit über das eigene Verhalten zu erlangen. Danach folgen die Selbstakzeptanz, Selbstmitgefühl und Selbstliebe. Nur wenn du in diesen weiten Raum der liebevollen Selbsterkenntnis eintrittst und den Willen zur Veränderung hast, kannst du diese Verpflichtungen lockern und auflösen. In diesem Raum kann das Verständnis einziehen, die Handlung ab jetzt freiwillig zu machen. D. h. die eine Person kann Nein sagen und die andere auch mal alle Fünf gerade sein lassen.
Steter Tropfen höhlt den Stein
Den weiten, bewussten Raum eröffnest du dir mit Aktionen für dich selbst:
- Indem du dir täglich etwas Zeit nimmst und dich mit dir selbst verbindest. Anfangs ist es gut, das in einem geschützten Raum zu machen, denn Gefühle werden kommen. Aber auch zwischendurch ist ein Verbinden möglich: auf der Bahnfahrt, beim Jogging und Fahrradfahren, bei der Meditation, dem Waldspaziergang usw.
In dieser Zeit kannst du Sätze rezitieren, wie z. B. den Spruch von Jack Kornfield, den ich für diesen Prozess hervorragend finde: „Wenn dein Mitgefühl dich nicht miteinschließt, ist es unvollständig.“ Das Wort Mitgefühl kann z. B. mit Liebe für andere ersetzt werden. Dieser Satz wirkt Wunder, wenn du zulässt, dass er tiefer und tiefer wirkt. - Systemische Aufstellungen, bei denen die Dynamik deiner Beziehungen (Familie, Partnerschaft und Freundschaften) bildlich dargestellt werden, und eine liebevolle Lösung erfolgt.
- Einzelarbeit mit Therapeuten, Coachs, Schamanen u. Ä.
Für den Weg in die Freiheit brauchst du Beharrlichkeit, sowie den Willen und die Offenheit für Veränderungen.
Am Anfang wirkt der Weg vielleicht schwer und steinig. Aber wie du wahrscheinlich aus Erfahrung weißt, ist ein Weg leichter, wenn er gegangen wird. Ja, er wird wahrscheinlich zeitweise wehtun und das Licht am Ende des Tunnels kann aus dem Sichtfeld geraten. An Punkten kann es passieren, dass du sauer und verärgert mit dir bist. Das ist ok. Einfach weitergehen und die Gefühle wieder loslassen.
Dieser Weg ist ein Weg der Sanftheit, Selbstachtung, Heilung und Selbstliebe.